31
In ihrer Verzweiflung stürmte Clarissa in den Schneesturm hinein. Sie kam keine drei Schritte weit, schien gegen eine unsichtbare Wand zu laufen und wurde von dem böigen Wind zu Boden geschleudert. Sie stemmte sich hoch, rannte wieder gegen den Wind an, schaffte taumelnd ein paar Schritte, bevor sie erneut stürzte. Einen Atemzug lang blieb sie auf dem harten Schnee liegen, sie weinte vor Wut und Verzweiflung und kam noch einmal hoch. Dann wandte sie ihre ganze Kraft auf, um den stürmischen Wind zu besiegen, schaffte sogar ein paar Schritte mehr, um gleich darauf von einer heftigen Böe erfasst und an den Waldrand zurückgeschleudert zu werden. Sie prallte mit der Hüfte gegen einen Baum und mit dem Kopf gegen einen zweiten Baum. Sie konnte von Glück sagen, dass ihre dicke Fellmütze den Aufprall so stark bremste, dass sie nur das Bewusstsein verlor. Reglos blieb sie im vereisten Schnee liegen.
Sie bemerkte nicht, wie der Mann, der inzwischen den Waldrand erreicht hatte, seinen Schlitten bremste und die aufgeregten Huskys beruhigte. Ihre Augen waren fest geschlossen, als er vom Trittbrett sprang und zu ihr lief, sie flüchtig untersuchte und erleichtert aufatmete, als er erkannte, dass sie sich nichts gebrochen und offensichtlich nur starke Prellungen und wahrscheinlich eine starke Gehirnerschütterung davongetragen hatte. »Bleiben Sie ganz ruhig, Ma’am«, sagte er, obwohl er wusste, dass sie ihn nicht hören konnte. »Sie sind in Sicherheit! In einer halben Stunde liegen Sie in einem warmen Bett!«
Er breitete ein paar Wolldecken auf seinem Schlitten aus, legte Clarissa darauf und wärmte sie mit weiteren Decken. Er band sie mit Lederschnüren an die Ladefläche. »Tut mir leid, Ma’am«, sagte er. »Der Trail ist nicht besonders eben, und die Fahrt wird ein wenig rau werden, aber anders geht es leider nicht.« Er zog den Anker aus dem Schnee und bedeutete den Hunden, dass es weiterging. »Hey … Nicht so stürmisch, Bunker!«, warnte er seinen Leithund. »Wir haben eine wertvolle Fracht! Sei vorsichtig! Bobby! Elliott! Das gilt auch für euch! Spart euch eure Alleingänge für den nächsten Trip!«
Clarissa stöhnte leise, als die Hunde losrannten und den Schlitten über die erste Bodenwelle zogen. Durch den Wald trieb der Fremde sein Team über den festen Schnee, bog in einen Hohlweg, der in eine tiefe Schlucht zu führen schien, aber schon bald wieder nach oben ging und am Waldrand auf tiefe Schneeverwehungen stieß. »Ich dachte mir schon, dass hier Arbeit auf uns wartet«, sagte er, »aber keine Angst, Ma’am, das haben wir gleich.« Er sicherte den Schlitten und schnallte seine Schneeschuhe über die Stiefel, lief ein paar Schritte auf der Stelle, bis sie fest saßen, und schob den Schlitten an. »Vorwärts, Bunker! Jetzt heißt es arbeiten! Der Winter ist zurück, falls du’s noch nicht gemerkt hast! Streng dich an, sonst kommen wir nie mehr nach Hause!«
Die Huskys erkannten schon an seinem Tonfall, dass sie besonders gefordert waren, und gruben sich tief in die Schneewehen. Der Mann, der sie antrieb, unterstützte sie nach Leibeskräften, stemmte sich mit seiner ganzen Kraft gegen den Schlitten und schob ihn durch den angehäuften Schnee. Nur die Schneeschuhe verhinderten, dass er bis zu den Knien einsank. Die Hunde zeigten, wozu sie fähig waren, wenn man sie genügend forderte, und stießen wagemutig mit ihren Schnauzen in den tiefen Schnee. Sie gruben sich durch das Hindernis, bis sie wieder festen Boden erreichten, und der Mann sie anhielt.
Er band gerade seine Schneeschuhe an die Haltestange, als Clarissa für einen Moment die Augen öffnete. Ihr Kopf schmerzte jetzt noch stärker als vor einigen Stunden. Wie lange war es jetzt überhaupt her, dass sie zu ihrem Gewaltmarsch aufgebrochen war? Sie hatte jegliches Gefühl für Zeit und Raum verloren und spürte nur den heftigen Schmerz, der wieder in ihrem Kopf rumorte. Starker Schwindel hatte sie ergriffen und gaukelte ihr vor, das Gleichgewicht zu verlieren und vom Schlitten zu fallen, obwohl man sie festgebunden hatte.
War sie eine Gefangene? Hatte der Kopfgeldjäger sie gefunden und gefesselt? Sie war viel zu benommen, um einen Gedanken zu Ende zu führen, und drohte bereits wieder in der Bewusstlosigkeit zu versinken, als das Gesicht des Mannes, der sie gerettet hatte, über ihr auftauchte. Eisiges Entsetzen ergriff sie! Der Mann trug die gleiche Büffelfelljacke wie der Kopfgeldjäger, den Frank Whittler geschickt hatte. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte sie, dass er eine andere Fellmütze mit herunterklappbaren Ohrenschützern trug. An seiner Jacke haftete ein Abzeichen aus Metall, das ihn als Inspector der North West Mounted Police auswies, aber das war viel zu klein, sie sah nur das Blitzen des silbernen Wappens im trüben Licht. Ein Mountie, dachte sie.
»Ma’am … Sie sind in Sicherheit, Ma’am«, hörte sie seine sonore Stimme, denn sie hatte bereits wieder die Augen geschlossen und ergab sich ihrem Schmerz. »Ich bin Inspector Paul Sherburne von der North West Mounted Police. Nach Skaguay ist es zu weit. Ich bringe Sie zu unserem Grenzposten.«
Seine letzten Worte hörte sie nicht mehr, sonst hätte sie wohl vor Angst wieder die Augen geöffnet. Stattdessen versank sie erneut in einem dunklen Nebel, der sie sanft umfing und den Schmerz nahm. Lediglich ihr unkontrolliertes Stöhnen blieb, als der Mountie die Hunde antrieb und einem Trail folgte, der in zahlreichen Windungen zur Passhöhe führte. Durch die riesigen Felsen, die wie scharfkantige Keile aus dem Boden ragten, und verkrüppelte Kiefern, die Spalier für sie zu stehen schienen, waren sie dort einigermaßen gegen den heulenden Wind geschützt. Erst als sie die Felsen hinter sich ließen, erfasste sie der Sturm mit voller Wucht, und wären der Mountie und seine Hunde nicht so ein eingespieltes Team gewesen, hätten sie dort wahrscheinlich kapitulieren müssen. »Go! Go! Go!«, feuerte Sherburne die Huskys an. »Nicht schlappmachen, meine Lieben! Von dem bisschen Wind lassen wir uns doch nicht den Spaß verderben!« Der Wind riss ihm die Worte von den Lippen, doch die Hunde hörten und spürten ihn vor allem und setzten alles daran, den steilen Trail so schnell wie möglich zu überwinden.
Auf dem Hügelkamm hielt Sherburne den Schlitten an einer windgeschützten Stelle zwischen einigen Felsen an und rammte den Anker in den Schnee. »Ich wusste doch, dass ich mich auf euch verlassen kann!«, rief er seinen Huskys zu. Er stieg vom Trittbrett und wischte sich den Schnee und die Eissplitter vom Gesicht, wandte den Kopf zur Seite, als ein Windstoß durch die Felsen fuhr und ihn und den Schlitten traf. »Das wird ein kalter Winter, Bunker! So mieses Wetter hatten wir im letzten Oktober noch nicht.«
Clarissa erlangte erneut das Bewusstsein und sah in das lächelnde Gesicht des Mounties, als er sich über sie beugte und ihr behutsam das Gesicht säuberte. Sie blieb lange genug wach, um seine freundlichen Augen und seinen leicht grauen Schnurrbart zu erkennen. »Sie haben ganz schön was abbekommen«, sagte er, als er die Schrammen auf ihrer Wange und an ihrem Kinn bemerkte. »Ist aber nichts gebrochen, keine Angst! Ein paar Tage Bettruhe, und Sie sind wieder auf dem Damm. Was wollten Sie nur da oben? Sind Sie vom Trail abgekommen? Selbst wenn Sie den vereisten Hang geschafft hätten, wären Sie auf der anderen Seite mächtig in Schwierigkeiten gekommen. Da wagen sich nicht mal Indianer hin. Ich war nur dort, weil wir es in letzter Zeit verstärkt mit Schmugglern zu tun haben. Sie können von Glück sagen, dass ich Sie gefunden habe, Ma’am, sonst hätte es schlecht für Sie ausgesehen.« Er legte ihr eine Hand an die Wangen. »Hören Sie mich noch, Ma’am?«
Sie brachte nicht mehr die Kraft auf, ihm zu antworten und hörte seine Stimme nur noch aus scheinbar weiter Ferne. Aber ihr Klang war angenehm und beruhigend und ließ sie den Schmerz vergessen, der jedes Mal aufflackerte, wenn sie die Augen öffnete. Er war ein freundlicher Mann, dieser Mountie, auch wenn sich sein Tonfall bald ändern und er ihr wahrscheinlich Handschellen anlegen würde.
»Wir haben nicht mehr weit«, versprach er lächelnd. »In spätestens einer halben Stunde sind wir da. Und das Schlimmste liegt bereits hinter uns.«
Er überprüfte die Lederriemen, mit denen er sie an den Schlitten gebunden hatte, und kümmerte sich um seine Hunde, die offensichtlich eifersüchtig waren, weil er der Frau auf dem Schlitten so große Aufmerksamkeit schenkte und sie vollkommen zu vergessen schien. »Keine Angst, ich weiß, was ich an euch habe!«, beruhigte er vor allem Bunker, seinen Leithund, der stets besondere Beachtung verlangte. Er kraulte ihn hinter den Ohren und klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken. »Du bist ein ganzer Kerl, Bunker!« Er wandte sich an die anderen Hunde. »Und ihr natürlich auch! So, jetzt müssen wir aber weiter! Bald wird es dunkel, und die Lady braucht dringend Ruhe, kapiert?«
Durch eine weitere Senke fuhren sie zwischen lichten Baumbeständen hindurch und am Ufer eines zugefrorenen Sees entlang nach Nordwesten. Der Sturm hatte merklich abgeflaut, dafür war es kälter geworden, und Sherburne hielt noch einmal an und zog Clarissa den Schal über die Nase, bevor er seinen eigenen zurechtrückte und die Hunde anfeuerte. In dem Neuschnee, der mit dem Wind gekommen war, fanden die Huskys besonders sicheren Halt, und weil der Mountie die Kufen gründlich eingefettet hatte, glitt auch sein Schlitten sicher über den Trail. Sie waren bereits auf kanadischer Seite und folgten einem der befestigten Wege, die Indianer für die North West Mounted Police erkundet hatten. Die ersten Schatten der Dämmerung legten sich über das Land, und nur über den schneebedeckten Gipfeln der Gletscher hing noch ein heller Schimmer.
Der Grenzposten lag im Schutz einer steilen Felswand, der ihn vor den eisigen Nordwinden schützte, und war von Kiefern umgeben, die in dieser Höhe aber eher klein und verkrüppelt aussahen. Die Blockhäuser, ein Haupthaus mit dem Büro, dem Gemeinschaftsraum, der Küche und dem Zimmer des Inspectors, ein zweites mit dem Schlafraum der vier Constables, die ihm unterstellt waren, und einem weiteren, das vor allem als Gerätekammer diente, hoben sich selbst im Dämmerlicht deutlich gegen den Schnee ab. Der an dieser Stelle breite White Pass Trail führte direkt an den Blockhäusern vorbei, war aber im Winter meist verlassen, weil die meisten Goldsucher in Skaguay auf den Frühling warteten und erst dann über den Pass wollten.
Clarissa erwachte gerade wieder aus ihrer Bewusstlosigkeit, als Sherburne den Schlitten vor dem Haupthaus anhielt und seine Constables nach draußen rief. »Constables Raleigh und Benson«, sagte er zu den beiden Männern, die erst vor Kurzem nach Norden versetzt worden waren. »Sie bringen die Lady in mein Zimmer. Aber seien Sie vorsichtig, sie hat wahrscheinlich eine starke Gehirnerschütterung und etliche Prellungen. Benson, soweit ich weiß, arbeitet Ihr Vater als Arzt, also zeigen Sie mal, was Sie sich von ihm abgeschaut haben, und untersuchen Sie die Lady. Colfax …« Damit war das jüngste Mitglied seines Trupps gemeint. »Sie richten mein Nachtlager her und bringen meine persönlichen Sachen ins Schlafhaus. Und Sie, McGill …«, er blickte einen rothaarigen Burschen an, der nicht viel älter als Colfax sein konnte. »Sie kochen frischen Tee und wärmen die Hühnersuppe aus der Vorratskammer auf … Aber gehen Sie etwas vorsichtiger mit dem Pfeffer um, verstanden?«
»Zu Befehl, Sir. Inspector.«
Während die Soldaten seine Befehle ausführten, spannte Sherburne die Hunde aus und bedankte sich bei jedem Einzelnen von ihnen. Er band sie an ihre Leinen zwischen den Blockhäusern und brachte ihnen das wohlverdiente Futter und lauwarmes Wasser. »So«, sagte er, nachdem er Bunker noch einmal ordentlich liebkost hatte, »jetzt muss ich mich wohl um meinen Damenbesuch kümmern. Bin gespannt, was mir die junge Lady zu erzählen hat …«
Clarissa spürte, wie die beiden Polizisten sie unter den Armen und an den Beinen packten und sie in das Zimmer des Inspectors trugen. Sie hätte vor Schmerz am liebsten geschrien, als einer der Polizisten über die Schwelle stolperte, und verlor noch mal das Bewusstsein. Sie merkte nicht, wie ihr die beiden Constables die Stiefel und nach einigem Zögern auch die restliche Kleidung bis auf die Unterwäsche auszogen und sie säuberlich gefaltet auf die Kiste legten, in der Inspector Sherburne seine persönlichen Sachen aufbewahrte. Constable Benson untersuchte die Frau flüchtig, tastete keinen Bruch und keine inneren Verletzungen und war froh, den Raum verlassen zu dürfen.
Erst die sonore Stimme des Mannes, der sie gerettet hatte, weckte Clarissa endgültig. Mit ihr kehrte auch das Dröhnen in ihrem Kopf zurück, und sie hätte am liebsten gleich wieder die Augen geschlossen und den Schmerz vergessen. Doch irgendwann musste sie sich der Wirklichkeit stellen, und warum sollte sie es nicht gleich tun, solange sie noch benommen war, und sie die Wahrheit vielleicht leichter ertragen konnte. Oder wussten die Mounties gar nicht, dass man in Vancouver nach ihr suchte? Hatten sie keinen Haftbefehl?
Sie versuchte, den Schmerz zumindest ein wenig auszuschalten, und konzentrierte sich auf den Mann, der vor ihr stand. Sherburne … Inspector Paul Sherburne; hatte er sich unterwegs nicht vorgestellt? Aber vielleicht hatte sie seinen Namen auch nur geträumt. Er war ein stattlicher Mann, hielt sich gerade wie ein General und strahlte eine gewisse Würde aus. Sein Gesicht war etwas zu hart und kantig, die Augen scharf, die Lippen schmal, das Kinn leicht vorgeschoben wie bei einem Mann, der genau wusste, was er wollte. Sein angegrauter Schnurrbart ließ ihn wahrscheinlich älter erscheinen, als er wirklich war, seine Haare wirkten inzwischen wohlgekämmt und sauber gescheitelt. Er hatte ein sympathisches Lächeln und erinnerte sie ein wenig an Alex.
Seine Kleidung war einfach: dunkle Baumwollhosen, weißes Hemd und Pullover, einfache Schnürschuhe. Und sie hatte geglaubt, die Mounties würden zu jeder Gelegenheit ihre rote Uniform tragen.
Sherburne schien ihre Gedanken zu erraten. »Auf diesem entlegenen Posten nehmen wir es mit der Kleiderordnung nicht so genau, schon gar nicht im Winter.« Weil er nicht wusste, ob sie ihn unterwegs verstanden hatte, stellte er sich noch einmal vor und wiederholte, in welche Gefahr sie sich auf dem steilen Hang gebracht hatte. »Wer sind Sie, Ma’am?«, fragte er noch einmal. »Was hatten Sie da oben zu suchen? Sind Sie vom Weg abgekommen?«
»Ich … ich …« Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
»Sie haben doch nicht das Gedächtnis verloren?«
»Nein …« Sie brachte ein Lächeln zustande. »Es ist nur … Ich bin noch ein wenig schwach und fühle mich irgendwie …« Sie musste nicht einmal lügen.
Als wollte er ihr noch ein paar zusätzliche Minuten verschaffen, bevor ihr keine andere Wahl mehr blieb, als ihren Namen zu nennen, und man sie wohl gleich darauf verhaften würde, klopfte McGill in diesem Augenblick an die Tür und betrat mit einem Tablett den Raum. Den Tee servierte er in einem Blechbecher und die Hühnersuppe in einer hölzernen Schale, auch ein Zeichen dafür, in welch entlegenem Außenposten sie gelandet war. »Ihr Tee und Ihre Suppe, Ma’am!«, kündigte er übertrieben höflich wie ein Zimmerdiener in einem teuren Hotel an. »Ich hoffe, ich störe nicht, Ma’am … Sir.« Er stellte das Tablett auf den Nachttisch. »Den Tee mit Milch und Zucker, nicht wahr?«
Clarissa antwortete nicht, sie blieb mit nachdenklicher Miene liegen und bekämpfte den Schwindel, der sich in ihrem Kopf ausbreitete. Vielleicht sollte sie ihre Antwort doch ein wenig hinausziehen. Nur noch ein wenig ausruhen, bis der Schmerz und der Schwindel nachließen, und sie wieder einigermaßen klar denken konnte. Noch einen Augenblick diese göttliche Ruhe genießen.
Der Inspector tat ihr den Gefallen. »Essen und trinken Sie erst einmal was, Ma’am. Reden können wir auch später, wenn Sie wieder einigermaßen auf dem Damm sind. Hier …« Er reichte ihr zwei Pillen. »Schmerztabletten aus der Hausapotheke von Constable Benson. Schlafen Sie sich gründlich aus!«
Clarissa war erleichtert, als Sherburne den Raum verließ und sie keine Angst mehr vor drängenden Fragen zu haben brauchte. Sie würde noch früh genug in einer Zelle landen. Wenn es einen Haftbefehl gab, könnte auch dieser freundliche Inspector nichts daran ändern. Er war an die Befehle seiner Vorgesetzten gebunden. Dabei benahm er sich gar nicht wie ein strenger Polizist, gab sich eher wie ein Mann, der sich in die Probleme anderer Menschen hineindenken konnte und Verständnis für sie aufbrachte. Der es nicht nötig hatte, jedem zu beweisen, was für ein toller Kerl er war und nicht einmal seine rote Uniform angezogen hatte, um sie zu beeindrucken. Ein Mann, dem man sich vorbehaltlos mit seinen Problemen anvertrauen konnte, und der noch dazu blendend aussah. Ein Gentleman, so hatte sie den Eindruck, aber auch ein Polizist, der seinen Beruf ernst nahm, sonst hätte man ihm wohl kaum das Kommando über diesen wichtigen Außenposten gegeben.
Sie schaffte es, sich aufzusetzen, spülte die Pillen mit heißem Tee hinunter und aß ein paar Löffel von der Hühnersuppe. Der Tee war zu stark und viel zu süß, und in die Suppe hatte er tatsächlich zu viel Pfeffer gegeben. Sie schaffte es nicht mal, darüber zu lächeln, sank zurück und schloss die Augen. Die Pillen taten ihre Wirkung und ließen sie schon bald einschlafen.
Sie träumte viel und wirr und wachte mehrmals auf, ohne zu wissen, was mit ihr passiert war und wo sie sich befand. Einmal versuchte sie aufzustehen und aus dem Fenster zu blicken, knickte aber schon nach dem ersten Schritt ein und kroch rasch wieder in ihr Bett zurück. Sie blieb ungefähr eine Stunde wach liegen und starrte an die Decke, lauschte dem Knistern des Feuers, das einer der Constables im Ofen entfacht hatte, und dem Heulen des Windes, der sich hinter der Hütte zwischen den Felsen verfing. Es war stockdunkel, nicht das kleinste Licht ließ sich in der Nacht ausmachen, und der Mond und die Sterne versteckten sich wohl immer noch hinter einer dichten Wolkendecke. Einer der Huskys jaulte, und die anderen fielen in sein Jaulen ein.
Als sie ein weiteres Mal aufwachte, war es draußen hell, und ihre Schmerzen hatten stark nachgelassen. Sie blieb mit offenen Augen liegen, hatte den flatternden Union Jack im Blick, als sie aus dem Fenster sah, und wurde sich erneut bewusst, wieder in Kanada zu sein, in einem Außenposten an der Grenze zwischen amerikanischem und kanadischem Territorium. In wenigen Minuten würde Inspector Sherburne den Raum betreten, und es gab keinen Aufschub mehr für sie. Selbst wenn sie ihm einen falschen Namen nannte, würde er herausbekommen, wer sie war, und ihr Handschellen anlegen. Dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Frank Whittler sie in die Hände bekam und endlich seine lang ersehnte Rache an ihr ausleben konnte.